Die friesischen Schmacken

 

 Im ausklingenden Mittelalter wurden die Binnen- und Wattenreviere der deutschen und niederländischen Nordseeküsten überwiegend von Tjalken befahren. Mit diesen sehr flachgehenden Schiffen konnten sowohl die trockenfallenden Tidehäfen als auch die oft versandeten Flüsse und Priele bequem erreicht werden. Allerdings waren die Tjalken aufgrund ihrer Bauart nur bedingt seetauglich.

Mit der Zunahme des Seehandels entlang der europäischen Küsten entstand der Wunsch nach einem Schif, mit dem man einerseits die engen Flussreviere befahren, und andererseits aber auch weit entfernte Ziele über See sicher ansteuern konnte. Zudem sollten bei Hochwasser auch die Häfen am Wattenmeer erreichbar sein. So entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Friesland in den nördlichen Niederlanden ein neuer Schiffstyp, die „Schmack“.

Um die Seetüchtigkeit gegenüber den Tjalken zu vergrößern, wurde der Rumpf einer Schmack fülliger gebaut und mit einem sehr stark positiven Sprung versehen. Tiefgang und Freibord wurden vergrößert, Ballast erhöhte die Stabilität. Wegen der Watttauglichkeit blieb allerdings der absolut flache Boden erhalten. Als Material verwendete man – wie damals allgemein im Schiffbau üblich – heimisches Holz. Im Gegensatz zu heute wurden keine Schiffspläne angefertigt, statt dessen erstellte der Schiffbauer ein originalgetreues Modell. Wie aus Überlieferungen bereichtet wird, zog der Schiffbaumeister mit seinen Leuten nach der Bestellung eines solchen Schiffes in den Wald, um zunächst einen pasenden Baum für den Vorsteven zu suchen. Nach diesem „Leitmaß“ richteten sich alle übrigen Schiffsmaße. Wurde ein relativ dicker Baum mit passender Krümmung entdeckt, konnte das Schiff entsprechend groß gebaut werden. Jedenfalls war es dem Auftraggeber nicht möglich, von vornherein die gewünschten Schiffsmaße genau festzulegen.

Auch die Takelung musste dem neuen Fahrtgebiet angepasst werden. Der Großmast wurde mit einer Marsstenge für die Marsrah versehen, darunter befand sich eine mächtige Rah (fast doppelte Schiffsbreite) für die Breitfock. Mars und Breitfock erwiesen sich als leicht zu bedienende Allwettersegel, die dem Schiff auf rauen Kursen einen ordentlichen Vortrieb verliehen. Das Großsegel wurde meist als Sprietsegel gefahren, d. h. der Großbaum verlief nahezu diagonal durch das Großsegel (Spriet = Spreize). Hierdurch konnte die Gaffel entfallen und gleichzeitig war der Großbaum als Ladebaum verwendbar. Der starke Klüverbaum war Holepunkt für die beiden äußeren Vorsegel Außenklüver und Binnenklüver, das dritte Vorsegel, die Stagfock, wurde am Vorstag des Schiffes vorgeheißt. Der kleine Besanmast stand im äußersten Punkt des Schiffshecks. Das daran befestigte Besansegel diente weniger dem Vortrieb, vielmehr war es zum Austrimmen des Schiffes und damit für die leichte Steuerbarkeit erforderlich. Hierzu dienten auch die beiden Seitenschwerter, die zusätzlich die Abdrift verkleinern sollten.

Die Takelung der ursprünglichen „friesischen Segelsprietschmack“ wurde später vielfach modifiziert. Häufig ersetzte man das Sprietsegel durch ein Gaffelsegel, um die Höhe am Wind zu verbessern. Weitere Segel wie Flieger, Jager und Toppsegel sollten den Vortrieb vergrößern.

Innen hatten die Schmacken einen relativ großen Frachtraum. Zum Wohnen stand nur die kleine Achterkajüte zur Verfügung, dort gab es einen kleinen Torfherd zum Kochen und Heizen. Für den Kapitän und den Steuermann war eine Koje vorhanden, der Rest der Mannschaft wohnte und schlief dort, wo Platz war, also meist auf der Ladung.

In Papenburg waren im 18. und 19. Jahrhundert etwa 50 Schmacken beheimatet. Die Schiffe befanden sich fast immer im Besitz von Partenreedereien d. h. sie waren in mehrere Parten (=Anteilen) aufgeteilt. Häufig war der Kapitän Anteilseigner. Interessant ist noch die Tatsache, dass ein solches Schiff sich in ein bis zwei Jahren freifahren konnte, d. h. in der Zeit war es komplett bezahlt. Der Leser möge sich selbst seine Gedanken darüber machen, mit welch einem Hungerlohn einerseits die Schiffbauer, andererseits aber vor allem die fünfköpfige Besatzung damals abgespeist wurde.

Leider musste dieser kurze Überblick in der Vergangenheitsform geschrieben werden, denn vom Schiffstyp der „friesischen Schmack“ gibt es kein Original mehr. Die letzten Exemplare sind im vorigen Jahrhundert – häufig mit Mann und Maus – verschollen. Dieses Schicksal ereilte im übrigen die meisten Schmacken, aufgrund ihres fülligen Rumpfes und des flachen Bodens war die Segeleigenschaften doch sehr beschränkt. Unsere Vorfahren müssen hervorragende Seeleute gewesen sein, denn sie befuhren mit ihren Schmacken nicht nur die Küsten der Nord- und Ostsee, auch im Westatlantik und im Mittelmeer waren sie anzutreffen.

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