Ein Törn als Gast auf der Schmack

"Gesine von Papenburg"

 

Papenburgs Botschafterin zu Wasser

 

1. Wie alles begann.

 

Die Seefahrt und der Schiffbau in Papenburg haben eine mehr als 300jährige Tradition. Wer nicht den Papenburger Generationen erwachsen ist kann sich nicht vorstellen, dass ein bis zu 6m mächtiges Hochmoor und die daraus entstandene Torfgräberei über die Fehnkulturtivierung nach holländischem Vorbild den Ausgang der heutigen Bedeutung Papenburgs ist.

Alles begann im Jahre 1631 mit der Anwerbung von Siedlerfamilien durch Dietrich von Velen. Er bot ihnen Grund und Boden, eine sogenannte Platze, von knapp 4ha Größe an. Die Verpflichtungen waren die  Entwässerung und in Folge die Wasserläufe zu Kanalbetten zu erweitern. Zum Wasserweg für den Transport von Torf als Massengut gab es in den vorigen Jahrhunderten keine Alternative.

Über den Turmkanal durch das Sieltor an der Ems begannen die Moorbauern mit geliehenen oder erworbenen Tjalken und anderen Plattboden Schiffen  die an der Unterems gelegenen Ziegeleien mit Brennmaterial zu versorgen. Diesen Handel unterbanden die Ostfriesen mit Beginn der eigenen Moorkultivierung. Um 1770 waren die inzwischen von Moorbauern zu Torfschiffern gewordenen Siedler auf neue Absatzmöglichkeiten angewiesen. Diese fanden sie insbesondere in den Hansestädten Hamburg und Bremen. Die Möglichkeit Waren für die hanseatischen Kaufleute zu befördern wurden zunehmend genutzt, so dass in der Folge zur Bewältigung der Aufträge Agenturen eingerichtet wurden. Zu der sich nun aus der Fluss- und Küstenschifffahrt zur offenen Seefahrt erweiterten Bereiche wurden neue Typen erforderlich. Ein Schiff,  das diese Eigenschaften erfüllte war die holländische Schmack. Sie war größer,  seetüchtiger  und mit besseren Segeleigenschaften versehen, aber vor allem auch wegen des geringen Tiefgangs vielseitig einsetzbar. Später kamen noch Schiffe wie z.B. die „Catharina“, ein Gaffelschoner, (Museumsschiff in der Wiek) hinzu. Die Entwicklung der europaweiten Seefahrt Papenburgs ist durch das Zusammentreffen von 68 Seglern zur gleichen Zeit im Jahre 1860 im Hafen von Riga belegt. Zwischenzeitlich, nämlich ab 1820, wurde die weltweite Ausdehnung der Zielgebiete eingeläutet. Kap Hoorn und das Kap der guten Hoffnung stellten keine Grenzen mehr da.

Zwei Zahlen können es am besten untermauern: 1868 lagen einmal zu einem Zeitpunkt 44 Schiffe mit ihren Kapitänen im Hafen von Buenos Aires.  ( in der dortigen Hafenkneipe, die nachempfunden im Papenburger Zeitspeicher zu sehen ist“ kann man ihnen lauschen). Die insgesamt um die 190 in Papenburg registrierten Segler stellten 1869 den Höhepunkt der Papenburger  Schifffahrtstradition dar.

Die große Verbreitung von Eisen und Stahl im Besonderen auch für den Schiffbau und die industrielle Förderung der Kohle im Ausgang des 19. Jahrhunderts bremsten die wirtschaftliche Entwicklung Papenburgs. 1902 und 1903 endeten der Holzschiffbau und die Weltmeer umspannende Segelschifffahrt.

 

                           2. Schiffbau in Papenburg

Weshalb das mühevoll eingefahrene Geld für das Chartern oder Erwerben von Schiffen

hinaustragen dachte man sich in Papenburg um das Jahr 1700?. Es  wäre doch sinnvoll dieses Handwerk selbst zu betreiben. Die Anwerbung erfolgte unter Anderem mit dem Urvater der Familie Meyer, Hinnerk Janssen, ein Schiffszimmermann aus Völlen. Nach Gründung der ersten Klampauerbetriebe schlossen sich in Folge die Gewerke Ankerschmiede, Reepschläger und  Segelmacher an. Die Erweiterung der heimatlichen Flotte, auswärtige Auftraggeber und der Ersatz für auf See gebliebene Schiffe gaben der Entwicklung Schiffbau in Papenburg einen unglaublichen Aufschwung. Wie gefahrvoll Seefahrt einst war gibt die Erfassung der Verluste zwischen 1833 und 1851 mit 143 Schiffen    wieder. 1795 erfolgte die Gründung der Meyerwerft als 18. Betrieb. Der Höhepunkt und Wende zugleich fanden um 1860 mit dem Bestand von 23 Werften statt, die zwischen 15 und 40 Leute beschäftigten.

Beredtes Zeugnis dieser Blütezeit Papenburgs geben die in 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts von den Auszubildenden der Meyerwerft unter ihrem Ausbildungsleiter

Dirks Kreutzmann gebauten Museumschiffe  wieder. Dem Heimatverein unter des damaligen Leiters Franz Freericks ist die Initiative und Erschließung der finanziellen Mittel zu verdanken.  Welch ein Blickfang für Besucher und Durchreisende  ist  u.a. die vollgetakelte „Friederike“?  zwischen Rathaus und St Antoniuskirche liegend.  

 

                         3. Ein Törn auf der Gesine von Papenmburg

 

Die Gelegenheit war günstig, ein Platz ist frei auf der Gesine und es kann ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Erste Frage: was benötigt man im Besonderen auf einem Oldtimer der Meere?.

Die Schmack Gesine ist schließlich ein Schiff, wenn auch als originaler  Nachbau, das vor mehr als 2oo Jahren die Papenburger Seefahrt in den Europäischen Gewässern begründet hatte.

Neben der Grundausstattung einer Urlaubsreise, so ergibt sich aus den Informationen, sollte ein Schlafsack her, denn die Nächte können kühl sein. „Willst du wirklich bei Schlechtwetter an Deck sein?“ Natürlich!  Es ist doch das kleine Abenteuer. Folglich für alle Fälle regendichtes und Gummistiefel.

Aufbruch Freitagmorgen, die Crew und zwei Gäste sind da. Proviant wird in die Fahrzeuge geladen

vor allem Vorgekochtes, Fleischgerichte im Weckglas vom Schlachter.

Der Ausgangshafen Harlesiel wird planmäßig erreicht. Wir werden von den Skippern und einer

fröhliche Mädchenschar aus München empfangen. Sie kommen von einem Törn zurück und übergeben die Gesine klar Schiff.

An Bord blieb Crewmitglied Günther, dem der Ruf eines hervorragenden Koches für die Bordver-pflegung vorauseilt.

Nun aber los! Die Gezeiten geben an der Nordsee viele Fahrzeiten vor und somit muss die Schleuse

vor Einsetzen der Ebbe passiert sein. Herrlicher Sonnenschein, fast glatte See. Damit haben die Skipper als Ziel für die erste Etappe Helgoland ausgegeben. Kaum Wind,

heiß aber auch keine Segel.

Nur wenige Stunden Fahrt bei mäßiger Motorleistung und schon können geübte Seefahreraugen am

Horizont Helgoland ausmachen. Nach und nach werden die markanten Umrisse dieses Eilands erkennbarer und in den frühen Abendstunden kann die Hafeneinfahrt passiert werden. Das Festmachen an der meterhohen Kaie macht bei einem Bilderbuchwetter keine Schwierigkeit. Trotzdem wird das Anlegemanöver vom Skipper mit einem kühlen Anlegebier aus der Vorpiek belohnt.

Nach einem ersten Orientierungsgang an Land muss zunächst der Hunger gestillt werden. Die Messe auf der Gesine bietet an zwei großen Tischen reichlich Platz für die neunköpfige Mannschaft. Zum ersten Mal soll Smutje Günther seinen ihm vorauseilenden Ruf unter Beweis stellen. Was für eine Frage!  Aufschnitt- und Käseplatten,  frisch aufgeschnittenes Brot, kalte und warme Getränke, der Tisch komplett eingedeckt. Seemann was willst du mehr. Günther weiß aus seiner aktiven Fahrenszeit bei der Marine, dass ein schlechter Koch die Laune der Mannschaft verdirbt.

Dann geht es von Bord. Die steile in der Kaie eingelassene Stahlleiter hoch, aber dabei noch der besorgte Blich auf die Festmacherleinen, denn das Wasser ist inzwischen gefallen. Haben sie genug Bott bis zum Niedrigwasser?  Nicht auszudenken sind die Folgen bei Nichtbeachtung. Zum Beispiel kann ein gebrochener Tampen wie ein lebensgefährlicher Peitschenhieb wirken und weitere Gefahren mit sich bringen.

Der klassische Inselrundgang folgt mit einem erhebenden Blich auf den Sonnenuntergang. Wunderschöne Eindrücke gewinnt man bei der Beobachtung der riesigen Kolonien der typischen Inselvögel, den Lummen, auf den schmalsten Vorsprüngen der Inselklippen und den jenseits der Absperrungen wenige Zentimeter vor dem Abgrund grasenden Inselschafen. Diese Bilder in der Abendstimmung würden einem mit einem Tagesbesuch nicht vergönnt sein.

 

Die Zielvorgabe für Tag zwei die Eider in Schleswig-Holstein. Wieder haben wir schönstes Wetter, ruhige See und leider wieder keine  gesetzten Segel. Ich dachte immer die Gesine wäre ein Segelschiff, aber zugeben, die Fahr ist Erholung in reinster Form. Nur Willi und Klaus müssen auf dieser Tour zum ersten Mal die ganze Bordtoilette in ihre Einzelteile zerlegen, denn auf der vorhergehenden Fahrt war die Benutzung nicht vorschriftsmäßig erfolgt. Alleine an diesem Beispiel wird mir klar, dass nur technisch versierte Leute die Gesine finanzierbar in Fahrt halten können.

Heute müssen Steuermann und Navigator ganze Arbeit leisten, denn nach Verlassen der freien Gewässer heißt es  die großen Verkehrsstraßen der Ozeanriesen zu queren und die Einfahrten in Weser und Elbe zu passieren. Dabei immer schön aufpassen, dass die richtigen Tonnen angesteuert werden. Steuermann an Navigator:“ grüne Tonne 19 Steuerbord querab“. Alles klar! .Übrigens ist es ratsam die Vorfahrtsregeln zu beachten. Ozeanriesen haben Vorfahrtsrecht. Manchmal taucht ein Küstenschutzschiff in bedrohlicher Nähe auf. Haben wir wohl alles richtig gemacht?

In den frühen Nachmittagsstunden kommt das Eidersperrwerk in Sicht. Scheinbar schnell erreichbar, aber die großen Watten dazwischen veranlassen uns schön der Betonnung nach in großen Schleifen darauf zuzusteuern.

 

Nach kurzer Wartezeit öffnet sich die Schleuse. Ganz langsam geht es Richtung Schleusenwand. Für die Vorderleine am Pikhaken ist  Willi zuständig. Dann alle Leinen fest. An der Gesine macht noch ein schnittiger Sportsegler fest. Welch ein Kontrast: mehr als 2oo Jahre  Segelschifffahrt beieinander.

Auf der die Schleuse überbrückenden Straßenbrücke drängen sich die Beobachter. Man spürt es förmlich. Die Leute sehen gebannt auf das alte Schiff mit dem fast 20 Meter hoch aufragenden Hauptmast. An den oben liegenden Rahen festgezurrt Mars und Breitfock. Es ist eben eine selten

verwendete Takelage.

Dann folgt eine traumhafte Fahrt bei immer noch strahlendem Sonnenschein und Windstille durch die dahin mäandernde Eider. Vorbei an dem alten Marschenstädtchen Tönning, vielen kleinen Marinas und an hunderten Sportanglern. Ganze Familien halten ihre Ruten in das stille Gewässer an der Lagerstätte eines Sonntagsausflugs. Hier hat die Eider den Charakter eines Kanals, denn geschützt vor den Fluten der Nordsee durch das Sperrwerk hat man ohne Deiche den freien Blick über das weite Land.

Zum heutigen Skipper Willi war ich als Wache eingeteilt. Zu meiner Überraschung bot er mir in einem Anflug von Leichtsinn an das Ruder zu führen. Allerdings ohne Strömung und ohne einen Hauch von Wind gelang es mir das Schiff  Kurs haltend an den Tonnen vorbeizuführen. Aber hallo – aufgepasst!

„Stets schon gegensteuern wenn sich das schwere Schiff  noch in der Kursbewegung befindet, denn es reagiert mit Verzögerung auf  das Ruderblatt“ mahnte mich mein Wachführer.

Schleuse Lexfähre, es dunkelt, und keine Marina sowie kein Steg in sicht. Nur ein paar Dalben, die aber viel weiter auseinander liegen als die Gesine lang ist. Mit einigen Manövern gelang es sie mitten drin festzumachen. Der erste verschlafene morgendliche Blick aus dem Luk bringt die Feststellung, Nebel, nur wenige Meter Sicht .Nach dem Frühstück die schnelle Auflösung und gleich geht es in die vor uns liegende Schleuse, dann noch eine am NOK, Nord-Ostsee-Kanal.

Bisher waren es die Freizeitkapitäne mit denen man sich bei Passieren durch einen Wink den Gruß austauscht. Jetzt werden die Köpfe nach oben zu den großen Überseeschiffen gereckt und sehr

häufig wird gegrüßt oder unser Gruß von der immerhin stets ca.8- 10 Decks hoch liegenden Brücke erwidert. Bei vielen Seeleuten ist die Gesine ein sicher noch nie gesehener Schiffstyp.

Die Ideengeber zum Nachbau einer Schmack fanden übrigens das einzige Modell in einem Groninger Museum.

Vor der Kanalschleuse Holtenau blickt man auf die Signalmasten der einzelnen Einfahrten. Der für die Sportschifffahrt vorgesehene zeigt rot. Das heißt warten für uns wie auch für die inzwischen versammelten Segelyachten. Grundsätzlich wird die Berufsschifffahrt bevorzugt abgefertigt.

An Backbord hinter der Schleusenausfahrt entdecken die Skipper eine Kaie, bereits von zwei niederländischen Dreimastern belegt. Wohin also mit der Gesine?  Platzsparend zwischen den beiden Seglern oder an den freien Anleger Richtung Förde, der allerdings einem Ausflugsdampfer vorbehalten ist. Der Raum zwischen den Niederländern ist nur wenig länger als unser Schiff und was für einen einige hundert Meter langen Kreuzfahrtdampfer kein Problem ist, nämlich seitwärts fahrend einzuparken, kann die 18meter Schmack nicht. Ihr fehlen Pod,  Bug -oder Heckstrahler.

Frühe Abendstunden am Sonntag. Das herrliche Sommerwetter nutzen viele Spaziergänger zum Bummel entlang der Segler. Eine Hochzeitsgesellschaft begibt sich zum nahegelegenen Holtenauer Leuchtturm,  der heute als beliebter gastronomischer Treffpunkt dient.

Wie immer nach dem Festmachen wird die Gesine wieder zur Botschafterin Papenburgs aufgerüstet.

 

Schon während der Kanalfahrt wiesen die an den Flaggenleinen wehenden Papenburger Farben und das Stadtmotto“ Papenburg offen für mehr“ auf unsere Herkunft hin. Ein am Schiff stehender Poller wird mit dem Papenburg Journal der Tourismus Organisation, sowie Info - Faltblättern der Stadt und der Gesine belegt. Reges Interesse entsteht.  Mitnahme oder ein Blick hinein belegen dieses. Nicht selten kommt man auch ins Gespräch und keines beginnt ohne die Bemerkung: Papenburg  liegt doch da wo die Meyerwerft die großen Kreuzfahrtschiffe baut.

Unser Günther nicht nur Koch, sondern in Personalunion auch Proviantmeister stellt fest, der Vorrat bekommt die ersten Lücken. Also zieht er mit seiner geschulterten Einkaufstasche los um den Brotkorb zu füllen. Der Bäcker wurde gefunden,  jedoch Sonntagabend und natürlich geschlossen.

Am Rückweg liegt dann ein Pavillon - Cafe. Eine ganze Schiffsbesatzung braucht frisches Brot, wie gesagt Sonntagabend. Die freundliche Dame zeigt Verständnis. Sie erinnert sich an einen Restbestand Tiefkühlminibrötchen und opfert diesen unserer Notlage.

Am nächsten Morgen wie immer lebhaftes Treiben in der Messe - neun Mann und ein Bad - bedeutet Anstehen zum Frischmachen. Inzwischen hat Günther den Tisch perfekt aufgedeckt. Der vorabendliche Gang bringt uns durch die Entdeckung des Bäckers ausgezeichnete, knusprige Brötchen auf den Tisch; dazu gibt es heute Günthers Spezialrührei.

 

Wer macht Backschaft? Das ist die stetige Frage nach jeder Mahlzeit. Freiwillige vor zum Abräumen, Spülen und klar Schiff machen in der Kombüse. Für alle gilt auf einer solchen Reise “ Hand gegen Schiff“. Hier herrscht peinliche Sauberkeit und Ordnung. Die Kojen allerdings sehen nach Männerwirtschaft aus und wären der Alptraum einer jeden Hausfrau.

Ablegen!  heißt das Kommando von Skipper Bernd und die Stammcrew hat sich auf Position zu begeben um den folgenden Befehlen zu folgen: Vorderleine los!  Querleinen los!  Achterleine los! Das Schiff hat sich von der Kaie gelöst und dann noch die Fender einholen und festzurren. Ab und Anlegen sind auf dieser Reise Sache von Bernd oder Günther. Ihre Erfahrung als Steuermänner aus ihrem Dienst bei der Bundesmarine scheint mir unerlässlich. Ihre Blicke bei der Ausfahrt wenden sich dann auch Richtung Tirpitzmole, dem Kieler Marinehafen. Durch den Anblick der Gorch Fock und anderer Einheiten werden bei Ihnen die Erinnerungen ihrer Fahrenszeit wach. Ob Seemannsgarn oder nicht, Erzählungen aus dieser Zeit haben uns manche heitere Runde beschert.

 

Vorbei am Leuchtturm Friedriechsort, dem Marine Ehrenmal Laboe und dem Leuchtturm Kiel mit der Lotsenstation für die Kieler Förde auf die offene Ostsee. Das Wetter ist trübe, der Himmel Wolken verhangen. Doch endlich der ersehnte Wind in ausreichender Stärke aus West. Über Deck schallt der

Ruf:“ Segel setzen!“  Die erfahrene Crew besetzt die Nagelbretter. Nach und nach heißt es lösen der Taue zum Fieren der Mars und der Breitfock und wieder festmachen. Wunderbar stehen die geblähten Segel. Sie treiben die Gesine mit 4-5 Knoten voran. Noch wunderbarer, keine Maschine, nur Wind und Wellenschlag gegen den Bug. Für die beiden Gäste ist die Segel - Prämiere ein Desaster. Heißt es halten, wird losgelassen. Soll gelöst werden wird festgehalten. So fliegt mir denn schon einmal ein Tau um die Ohren. Nun kann man erleben wie rau der Ton eines verantwortlichen Skippers werden kann. Seine Worte und die Art und Weise sind so gar nicht druckreif.

Jetzt volle Fahrt Richtung Fehmarn zum Zielhafen Burgstaken. Plötzlich ertönt es im barschen Ton aus dem Funk: „Sie befinden sich im Schießübungsgebiet der Bundesmarine.“ Ändern sie ihren Kurs und halten sich an die Tonnen um das Gebiet herum.

Die Seekarte weist  diesen Gefahrenbereich zwar aus, aber wo steht denn wann geschossen wird?

Ich jedenfalls habe kein Hinweisschild gesehen!“.

Drei Doppelschläge der Schiffsglocke, der Seemann sagt glasen, ertönen. Es ist 11 Uhr und Zeit

fürs 11 Ührken. Ein Tablett mit einem Schietwettergetränk wird durchs Luk gereicht. Prost!  

Vier Doppelschläge, 12Uhr  bedeutet nicht nur den vierstündigen Wachwechsel, sondern ebenso Stärkung für die hungrigen Seemannsmägen.

Ziemliche Schaukelei  ließ Günther nicht davon abhalten, wie täglich um diese Zeit, mit auf beiden Händen balancierenden Tabletts  im Luk zu erscheinen. Es sind nicht simpel geschmierte Stullen, nein, feine, garnierte Schnittchen.

 

Schemenhaft taucht voraus die Fehmarnsundbrücke auf, die sich allmählich durch die Annährung in ihrer großen Höhe deutlich gegen den grauen Regen verhangenen Himmel abhebt. Obwohl sich die Gesine auf die Durchfahrt zu bewegt, überragt ihr Mast noch immer bei Weitem den Brückenbogen.

Allmählich sinkt die Mastspitze aus der Bordperspektive unter den Bogen, liegt aber über der Überführung. Nun scheint es unvermeidlich. Mast und Stahlkonstruktion werden sich krachen begegnen. Man spürt es, dass die Brückenpassanten und anderen Bootsinsassen den Mastbruch förmlich erwarteten. Doch nichts als atemlose Stille; die Gesine passiert ungeschoren. Wie viel mag wohl Spiel gewesen sein? Ein guter Meter und das bei fast 20m Höhe bis zum Top. Natürlich haben sich die Skipper bei Georg,  dem Miterbauer und ältesten Gesine Kapitän das OK geholt. Leider hat man uns Neulingen an Bord davon nichts mitgeteilt.

 

Zielhafen Burgtiefe ist erreicht. Kleiner Landgang, den Jörn nutzte um neue Seekarten für die festgelegten folgenden Tagesetappen zu besorgen. Wie ich dabei erfuhr darf ohne aktuelle Karten kein Seegebiet befahren werden.

 

„ Backen und Banken“, der markige Ruf Günthers ging über das Deck. Pünktlich 18h ist der Tisch gedeckt und das Menü aufgetragen. Auf der Karte steht heute Goulasch aus dem Weckglas. Nicht nur das Fleisch ist ausgezeichnet. Wie stets hat der Koch durch verfeinerte Zubereitung daraus einen Gaumenschmaus gemacht.

 

Die aktuelle Beratung der Crew ergibt die Zielvorgabe für den kommenden Tag. Der große Schlag nach Rostock soll es werden. Daher ist frühes Aufbrechen angesagt. der für diese Etappe im Logbuch eingetragene Skipper Bernd steht am Ruder, kommandiert das Ablegen und führt das Schiff durch das enge Fahrwasser auf die freie See. Wir queren die großen Fährruten Lübeck – Dänemark, Schweden und Finnland. Zeitweise scheint es als seien wir mit den Fährriesen auf Kollisionskurs, aber so wie sie in Sichtweite kommen sind sie schon weit vor uns vorbeigezogen. Merkwürdig, aus der Ferne scheinen sie sich kaum zu bewegen. Dabei fahren sie ein Höllentempo. 5 gegen vielleicht 22 Knoten.

 

Die Einfahrt in die Warnow und Warnemünde werden hinter sich gelassen. Dann richten sich alle Blicke über Steuerbord auf die Neptunwerft. Das ist sie also, die schöne Schwester der Meyerwerft.

Ein Gastanker an der Kaie scheint fast fertig zu sein. An Land liegen ein Deckhaus im Rohbau und ein Schornstein für den nächsten. Auf dem Absetzponton sieht man in ein großes Kielteil, offensichtlich versandfertig, für den Törn nach Papenburg. „ ob wohl ein Besuch der Gesine mit ihrer Mannschaft

auf eine kurze Visite willkommen ist, um sich die Werft etwas näher ansehen zu können?“ stellt jemand die Frage. Die Planung für den nächsten Tag war von der Idee bestimmt dieses umzusetzen; doch wie? Man könnte es eventuell über Myers Presseleute versuchen. Gesagt, getan. Die Kontaktaufnahme ist erfolgreich und es wird ein Termin vermittelt.

 

Weit drinnen an der Warnow liegt Rostock. Der erste Blick fällt auf die mächtigen restaurierten Speicher aus den Blütezeiten der alten Hansestädte unmittelbar hinter der modernen Promenade. Wir legen an der ebenso modernen, neuen Kaianlage an. Die Stadt empfängt ihre Gäste komfortabel und das man gerne gesehen ist merkt man dem Hafenmeister an. Die Gesine zieht sofort die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich und so sind die ersten Amtshandlungen Flaggen aufziehen, die Tafel mit der Vita aushängen, sowie den schweren gusseisernen Poller als Präsenter für Papenburgs Angebotsjournal  verwenden.

 Ein schwerer Schekel muss drauf. Aber wo bleibt die Belohnung für das gelungene Anlegemanöver? Raus mit einer Runde Anlegerbier. Das ungewöhnliche Bild des Schiffes mit dem hoch aufragenden Hauptmast, an dem sich nur ganz oben an zwei Rahen festgezurrte Segel befinden, ist weit hin sichtbar und lässt weitere Interessenten verweilen.

Man bedient sich der Hefte oder legt sie nach dem Durchblättern wieder zurück. Warum wohl ?

Vielleicht möchte man etwas über die Geschichte der Gesine erfahren. Hans-Wilhelm, das fällt auf, ist der beste Mittler zwischen Schiff  und interessierten Passanten. Papenburg? Klar, die schöne Stadt mit den Kanälen und der Meyerwerft, kennen wir doch!  So oder ähnlich ist es immer wieder zu vernehmen.

Es ist ein milder Sommerabend und die abendliche warme Mahlzeit in der Kombüse wird durch Grillen an Bord ersetzt. Wie so vieles haben die Ehrenamtlichen die Voraussetzungen für die Versorgung an Bord mit Abwechslung geschaffen. Da wären zum Beispiel der Bordgrill, der gefahrensicher an die Reling gehängt wird oder die große Tischplatte, die einfach auf dem Skylight der Back für besondere Gelegenheiten festgemacht wird. Das gibt an Deck Platz für die gesellige Runde der Mannschaft.

Es folgt der Bummel durch die Rostocker Altstadt. Ganz vereinzelte deuten Ruinen noch darauf hin wie verfallen sie gewesen sein muss. Heute sind urbanisierte Wohnquartiere, belebt durch ein breites Spektrum von Gewerbetreibenden, daraus geworden. Denkmalgeschützte Häuser und Kopfsteinpflaster lassen die Erinnerung an vorige Jahrhunderte wieder wach werden.

Wo trinkt man zum Abschluss der Rostockvisite ein Bier? Auf Nachfrage nennt man die „ Kogge“.

Unübertroffen urig mit der Einrichtung und Gesammeltem aus Jahrhunderten Seefahrt. Der große runde Tisch bietet Platz für alle  und das dunkle Bier wird mit original Rostocker Korn etwas angereichert.

Der morgendliche Spaziergang entlang des Hafens führt mich auch zum Hautquartier von Meyers Großkunden „Aida Cruises“. Es befindet sich in zwei mächtigen restaurierten Speichern.  Ich denke mir ein Gruß aus Papenburg könnte vielleicht erfreuen und erklärte mich am Empfang als Gästeführer auf der Meyerwerft, der dort unter Anderem auch die Präsentation der neuen Aida Flotte macht. Die nette Dame am Empfang war wohl ein wenig irritiert weil sie meine Wenigkeit nicht richtig einordnen kann. Sie löste unser kleines Problem mit einer Tasse Kaffee nebst Plätzchen und verabschiedet mich mit der Überreichung der neuesten Kataloge sowie einigen Reiseandenken. 

Auf Wiedersehen Rostock – hallo Neptunwerft. An der Kaie erwarten uns als Empfangskommite

drei Mitarbeiter als Festmacher. Einer von ihnen ein Meyermann aus Papenburg. Das Firmenlogo auf seinem Overall weist es aus. Vor dem riesigen Bug des fast fertigen Gastankers Clipper Hermod treffen sich 2oo Jahre alte Seefahrttratition und modernste Seelogistik. Es folgt die Begrüßung durch Herrn Dr. Miebach und er nimmt sich die Zeit, uns über das beeindruckende, fast bis zum letzten Quadratmeter ausgefüllte, Werftgelände zu führen.

Das Ergebnis für 2008: die Premikon Queen, ein Flußkreuzfahrtschiff der neuen Luxusklasse, ein Gastanker abgeliefert, ein weiterer kurz vor der Fertigstellung und ein Rumpf, ein Deckhaus und ein Schornstein für eine weitere Gastankerserie.

Zum Abschluss unseres Besuches vor der Gesine ein Statement mit Gruppenfoto.“ Wie wäre es, Herr Dr.Miebach, mit einer Rostocker Gesine?“ Die Antwort kommt prompt: „ keine Zeit und kein Geld. Der

Wettbewerb im Schiffbau ist ein ganz harter“. Herr Dr.Miebach verabschiedet uns, nicht ohne seine Freude über den Besuch aus Papenburg zum Ausdruck zu bringen. Mit einem Erinnerungsposter der

Schmack Gesine und einem ganz herzlichen Dank für den Empfang von so kompetenter Seite sagen wir: “Aufwiedersehen“.

 

Inzwischen ist es Nachmittag geworden und ein großer Schlag, gemeint ist die Ansteuerung eines neuen Hafens, ist vor Tagesende nicht mehr drin. Vorsorglich wird bei dem Hafenmeister von Warnemünde ein Liegeplatz angefordert. Für Schiffe wie die Gesine, nicht gerade ein Dickschiff, aber immerhin ist für ihre Größe der äußere Anleger am Alten Strom vorgesehen. Ganz langsam schiebt sie sich den Alten Strom hinauf bis der Hafenmeister auf dem Steg erscheint und uns bedeutet: zu weit gefahren!

Rückwärts mit einem solchen Schiff geht nicht, also wenden. Der Strom ist durch liegende Schiffe stark verengt, sodass ein Wendemanöver höchstes Geschick verlangt, mehrfach also vor und zurück, stets nur meterweise Platz bis zur Kalamität. Zum Anlegen muss eine weitere Wende sein und dann ran an den Anleger. Der Hafenmeister kümmert sich um die Vorleine, während starke Böen plötzlich über die neben der Promenade liegen Dünen in die hoch oben liegenden Rahen greifen und die Gesine immer wieder quer in den Strom treiben. Am Ende jedoch reichen die Steuerkünste Günthers mit Hilfe der Crew aus. Das Schiff ist vertäut. Wie haben das nur die alten Fahrensleute ohne Motorkraft geschafft? Man sagt übrigens das eine Schmack in der Saison bis zu 5 Fahrten zum Baltikum und zurück Fahrten unternommen hatte.

Urlauber und Wochendausflügler bevölkern die Promenade“ Am Alten Strom“ auf dem Weg zum Leuchtturm an der Einfahrt zur Warnow. Viele von ihnen verharren am Steg und beobachteten das mühsamen Manövrieren, aber vor allem auch das ungewöhnliche Schiff lenkt die Blicke auf sich.

So ist es wieder ganz besonders wichtig die Gesine in dem wiederkehrenden Ritual zur Botschafterin aufzurüsten. Das Papenburg Journal findet eine Reihe von Interessenten von denen man mit dem einen oder anderen ins Gespräch kommt und immer wieder vernimmt man die Äußerung „ Papenburg – Meyerwerft waren wir schon, beeindruckend!“. Papenburg als Marke in Verbindung mit der Meyerwerft wäre sicher eine Erhebung zur Ermittlung des prozentualen Bekanntheitsgrades wert.

Hierzu eine nette Begebenheit. Einem beeindruckten Besucher der Werft erklärte ich, dass 

der Grad der Bekanntheit möglicherweise den der Frau Merkel erreichen würde. Ein Scherzbold in der hinteren Reihe kontert: „ wer ist denn Frau Merkel?“.

Plötzlich kommt eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft daher. Dürfen wir vor der Gesine ein Paar Fotos

schießen?

Nicht nur vor, sondern die Skipper bieten dieses auch auf dem Schiff an. Damit entwickelt sich eine muntere Fotosession, bei der der Bräutigam allmählich ins Abseits gerät und die Crew den schmückenden Rahmen der Braut abgibt. Hallo und vielen Dank; Bilder werden zugeschickt.

Hoffentlich !!

Abfahrt bei schönstem Sommerwetter, das bis zum Abend anhalten wird. Wir lassen Warnemünde hinter uns und nehmen Kurs auf Wismar. Es wäre ein angenehmer Tag gewesen, wenn nicht Skipper Bernd die Mannschaft darin erinnert hätte, dass es auf der Gesine heißt: Hand gegen Schiff, weil heute ans Segeln nicht zu denken ist. Er geht ohnehin stets mit gutem Beispiel voran und so putzt er wie fast täglich seine etwas vernachlässigte Schiffsglocke. Eine Abordnung wird abgestellt einen verschlissenen Tampen in Stücke zu schneiden, um daraus Tausendfüßler zuknüpfen. Wie bitte?

Also, dies sind puschelartige Schoner, die angebracht werden wo sich natürliche Taue mit  Stahltrossen scheuern. Untätigkeit will auch ich mir nicht nachsagen lassen.

Das Deck hat sich teilweise begrünt und bedarf der dringenden Säuberung. ich nehme mich der von Bernd begonnenen Arbeit an.  Mit Spachtel, Rauhschwamm und viel Wasser mache ich mich kniend drüber her. Deckschrubben wie ein Schiffsjunge oder junger Seekadett ist eine bereichernde Erfahrung. „ Willi, ist die Welle abgeschmiert und funktioniert dein provisorisch installierter Schalter der Wasserpumpe?“. Bern geht immer etwas durch den Kopf wenn er das Ruder führt. Wir erleben eine starke Prise Seemannsalltag.

Im Dunst liegend werden die historischen Bauten Heiligendamms, dem ehemaligen Seebad von Kaiser und Königen und das große Seebad Kühlungsborn passiert. Dann geht es um die Insel Poel herum in die Wismarer Bucht. Ein Liegeplatz findet sich im alten Hafen der Hansestadt. Mit einem Bier wird heute nicht nur das erfolgreiche Anlegemanöver, sondern ebenso die Arbeit an Bord belohnt.

Wie stets nach der Ankunft begibt sich Günther auf den Erkundungsgang. Er entdeckt unter anderem  einen Fischkutter, der über das ganze Deck ausgebreitet eine unbeschreibliche Auswahl der verschiedensten Räucherfische anbietet. Davon gibt es heute zum  genussvollen Sattessen.

Die Stille des Abends an Deck wird durch das markante Blubbern eines Schiffsdiesels unterbrochen,

welches von einer einlaufenden mächtigen Hanse Kogge verursacht wird. So also haben Störtebekers stolze Piratenopfer ausgesehen. Heiner, unser Pirat hat sie geentert. Seine Beute Feinstes vom Büfett, das die Freibeuter im Übermaß liegen lassen. Die Herausgabe geschah ohne Waffengewalt wie er uns versicherte.

Wismar ist sozusagen die Wendemarke unserer Fahrt. Der erste Schlag liegt heute auf Kurs Nord in Richtung Fehmarn. Das Gute; wir haben Wind aus West/Südwest. Kommando lautet Mars und Großsegel setzen. Es wird ein herrlicher Seetag ohne Maschine, bei gleichmäßigen Winden und angenehmen, milden Temperaturen. Der leichte Borddienst tut dem Genuss keinen Abbruch. In den

späten Nachmittagsstunden liegt wieder die Fehmarnbelt Brücke voraus. Da der heutige Zielhafen mit Heiligenhafen  hinter  der Durchfahrt liegt, baut sich wieder eine gewisse Spannung auf, denn der Pegel am Brückenpfeiler liegt, wenn auch gering, über dem bei der Hinfahrt. Qartiersmeister Willi  erfährt allerdings erst nach der Passage vom Hafenmeister in Heiligenhafen, dass kein Liegeplatz frei ist. Da der für heute erreichbare Anleger in Burgstaken auf Fehmarn ist, bedeutet dies noch einmal spannungsgeladene Momente. Bei dem Blick unter den Brückenbogen ist tatsächlich kein Spielraum wahrnehmbar.

Als die Gesine am nächsten Morgen aus dem Schutz der Fehmarns herausfährt, blasen ihr frontal 5-6  Windstärken entgegen. Für unsere Skipper erkennbar durch gleichmäßige weiße Schaumkronen auf den Wellenkämmen und der weitere Schluss sagt, Wellenhöhe 3-4 Meter. Der Sturm mischt sich inzwischen mit Dauerregen, der einem geradezu ins Gesicht peitscht. Die Gesine stampft ziemlich gegen die Widrigkeiten an, steckt ihre Nase so manches Mal ins Wasser und lässt Gischt und Wellen über den Bug auf das Vorschiff platschen. Heute zeigt sich wofür Wasserdichtes und Gummistiefel nütze sind. Sicherheit ist Gebot und das bedeutet Befehl zum Schwimmwesten anlegen.

Der über Stunden gehende Seegang führt bei mir zu der Erkenntnis, dass es mit meiner Seefestigkeit  nicht allzu gut bestellt ist. Doch der Versuch der leichten Seekrankheit Herr zu werden gelingt.

Frische Luft und ein fester Sitz auf dem Achterdeck an den Besanmast gelehnt und der feste Blick voraus verdrängt sie. Irgendwie hat auch dieses Wetter seine schöne Seite, denn die Gedanken  fangen an zu wandern, gehen zurück in die Blütezeit der Papenbuger Schifffahrtszeit im 18.und19 Jahrhundert. Papenburger Kapitäne und Schiffseigner befuhren mit ihren schwer beladenen Segelschiffen bei so manches Mal noch schwererem  Wetter die Weltmeere.

Mit erreichen der Kieler Bucht und der Kieler Förde geht dann mit dem Festmachen vor der Holtenauer Schleuse ein erlebnisreicher Tag zu Ende.

 

Der neue Tag zeigt sich von seiner schönsten Seite. Die morgendliche Kühle spürt man bei dem ersten Gang über das Deck, aber der blaue Himmel schimmert bereits durch die schleierartige Bewölkung. Günthers Frühstückstisch ist wie jeden Morgen üppig gedeckt und wird dem unterschiedlichsten Geschmack der Mannschaft gerecht. Frische Brötchen für alle; jedoch ist von den einen Honig und Marmelade gefragt, während die anderen herzhaften Aufschnitt bevorzugen. Während die beiden Gastfahrer nun die Backschaft abarbeiten bereitet die Crew das Ablegen zur Einfahrt in die riesigen Holtenauer Schleusen zum Nordostsee Kanal vor.

Das Wetter ist sommerlich und so genießen  wir die sonntägliche Kanalpassage. In Abständen  fahren Konvois von Containerschiffen, die den größten Anteil der Schiffstypen ausmachen,  an uns vorüber.

Manche liegen in den sogenannten Weichen des Kanals: Sie haben den tiefgängigen Kollegen, die

nur die Mitte dieser Wasserstrasse befahren können, Vorfahrt zu gewähren. Vor Allem sind Abstände zu berücksichtigen damit große und kleine nicht in eine Sogwirkung geraten. Die Besonderheiten eines Kanals machen deshalb für die Berufsschifffahrt einen Lotsen erforderlich. Auch Schulte und Bruhns lässt durch eines seiner Schiffe grüßen. S & B an der Bordwand ist uns Papenburgern vertraut. Auch die Schwäne sind hier zu Hause. Wir haben bereits viele kleine Familien beobachtet. Jetzt aber  wippen wie ein Flockenteppich mehr als 100 am gegenüberliegenden Ufer auf den kleinen Wellenkämmen.

Heute wird mir besonders bewusst. Es ist die beschauliche Langsamkeit  der Fahrt auf der Gesine bei der alles wie im Zeitlupentempo an einem vorbeizieht. Das Tempo ist mit 5-6 Knoten oder ca. 10 Kmh

vorgegeben. Kein Gaspedal kann die Reise beschleunigen. Kurz vor Rendsburg heißt es rechts abbiegen. Der alte Eiderarm nimmt uns auf und führt uns an den Rand der Altstadt Rendsburgs. Festgemacht wird dort an einer neuen Promenade mit Anleger. Die Wartezeit auf Georg, der hier zusteigen soll, nutzen wir zu einem kleinen Stadtbummel. . Dabei hängen wir das Ohr an den Vortrag eines Stadtführers und erfahren, dass die Eider  bis zum Ende des 19.Jahrhunderts mitten durch den Stadtkern führte. Sie stellte nach der Fertigstellung des NOK  im ersten Bauabschnitt von Kiel bis Rendsburg die erste Seeverbindung zwischen Nord- und Ostsee her. Die Umrundung Skagens war daher für kleinere Schiffseinheiten nicht mehr erforderlich.

Alle Mann an Bord – auf zur zweiten Tagesetappe. Wir passieren Rendsburg, das zumindest zahlenmäßig ein größerer Schiffbaustandort als Papenburg ist. Zwei Werften sahen wir an den Ufern des Kanals Sie sind offensichtlich für die kleinen Luxusschiffe zuständig, denn eine sogenannte Milliardärsyacht an der Ausrüstung liegend ist der Beweis. Ein wunderschöner Tag gegen den Abendhimmel endet weniger romantisch, nämlich an der Kaie eines öden Industriegeländes. vor der Schleuse Brunsbüttel.

Das Wetter unserer Fahrt ist wie ein Wechselbad. So angenehm wie der vergangene Tag  war, so ungemütlich empfängt uns die Elbe nach Verlassen der Schleuse. Auffrischende Winde, wie selbstverständlich entgegenkommend, Nieselregen bei diesiger Luft und eine unangenehme Kühle sind die anderen Seiten einer Seefahrt.

In der Schleuse ging eine Segelyacht seitwärts an die Gesine, dessen Skipper auf Grund der Wetterverhältnisse ein Problem auf sich zukommen sah, denn seine Maschine gab nicht mehr die volle Kraft. SOS war es gerade nicht. Dennoch war Hilfe geboten, die ihm Skipper Bernd, das ist unter Seeleuten Pflicht, auf Bitte gewährte. Die Segelyacht wurde auf den Haken genommen bis die Elbe sich vor Cuxhaven soweit öffnet, dass man den Eindruck einen offenen See hat. Dort hieß es Schleppleine los; die Yacht hat nun Raum zum Segeln. Der Dank war eine Einladung zum Museumsbesuch in Bremerhaven, denn Bord befand sich der  Direktor.

Die Abläufe für die nächsten Tage sind festgelegt. Ziel der heutigen Etappe ist der Hafen von Spiekeroog, der Dank des sich im Laufe des Tages aufgeklarten Wetters  in der vorgegebenen zeit erreicht wird. Beschlossen wir heute Abend einmal Essen zu gehen. Somit sehe ich Spiekeroog nach sehr vielen Jahren wieder und bin überrascht wie sich der Ortskern seine Ursprünglichkeit bewahrt hat. Daran hat auch das große gastronomische Angebot nichts geändert, denn alle Lokalitäten befinden sich in sorgfältig restaurierten Gebäuden. Die Wahl fällt auf eines der zahlreichen Fischrestaurants. Das Urteil über die Küche fällt positiv aus, aber die Portionen sind für einen Seemannsappetit zu klein. Wohltuend allerdings ist das Frischgezapfte nach den vielen Tagen Bier aus Dose oder Flasche.

Zum Eindruck des schönen Inselörtchens gehören zum einen die klassischen Veranden vor den Pensionen, die original erhalten sind, sowie die zahlreichen kleinen Kaffeegärtchen unter alten Bäumen. Der Abreisetag gibt uns noch Gelegenheit schon am Vormittag bei Kaffe und Kuchen diese Idylle zu genießen.

Abreise heißt heute der kleine Sprung nach Neuharlingersiel um dort vier Crewmitglieder auszubooten für die zu Hause Pflichten warten und deshalb diesen herrlichen Törn abrechen müssen.

Aus zwei Gründen ist der frühe Ablegetermin  am folgenden Morgen erforderlich. Ein freier Liegeplatz war am Vorabend nicht zu finden. Der Kapitän eines Arbeitsschiffes des Wasserbaus gewährte seitwärts Nachtquartier, das jedoch am folgenden Morgen um 7.30h geräumt sein musste. Zum Anderen sind heute 45sm  zurückzulegen; das sind rund 8o km. Nicht viel könnte man meinen, aber auf einer Reise mit der Gesine ist der Weg das Ziel und bei um die 5sm( 9 Kmh) pro Stunde bedeutet dieses ca. 9 Std. Fahrzeit.

„ Lütte Sail Bremerhaven“, ein weiterer Höhepunkt unseres Törns, soll angesteuert werden. Die Gesine ist als Traditionssegler eingeladen  und nimmt somit am offiziellen Programm teil.

Das Auslaufen bei diesigem Wetter führt nochmals an Spiekeroog vorbei auf die offene See. Dort angekommen klart der Himmel auf und es wehen schöne  3-4 Windstärken aus West. Von Skipper Bernd kommt das Kommando: Brassen, was bedeutet die Rahen richtig in den Wind zu stellen.

Die Crew begibt sich an die Nagelbänke um nacheinander Breitfock und Mars zu setzen. Die Segel blähen sich, der Diesel verstummt.  Herz, was willst du mehr. Der Kurs führt bei auflaufendem Wasser an Wangerooge vorbei in die Hohewegrinne, der Einfahrt zur Weser. Wir passieren den Leuchtturm Hohe Weg, der offensichtlich Besuch bekommt. Im inzwischen aufgekommenen trüben Wetter vermischen sich in der Ferne Wasser, unendliches Watt und ein Schiff von dem aus eine Gruppe Leute auf den Leuchtturm zugeht. Die ersten Gäste fahrenden Segler  kommen in beiden Richtungen in Sicht in. Sie künden von dem bevorstehenden Ereignis „Lütte Sail Bremerhaven“.

Backbord liegend taucht der Container Port Bremerhaven auf. Wie ein Staket reihen sich die Verladebrücken auf, die unentwegt die an der Kaie liegenden bis zu über 300m langen Containerriesen be- oder entladen. Ein für Laien undurchschaubares System sorgt dafür, dass die haushohen Ladungen ohne eine Schieflage der Schiffe bearbeitet werden. Bis zu unglaubliche 11000 Container fassen diese Riesen und Zukunft sollen noch größere Dimensionen über die Weltmeere fahren. Sie sind vor Allem der Grund weshalb der Suezkanal und seine Schleusen für 70 Mrd. Dollar  so erweitert werden, dass auch die bereits jetzt schon über 300m messenden  Einheiten, sowie die neuen Generationen den weiten Weg um das „Kap der guten Hoffnung“ von Fernost nach Europa nicht mehr gehen müssen. Wie lang ist eigentlich die nicht endende Anlage?  fragt man sich unweigerlich. Ein Blick auf die Seekarte gibt Auskunft:  rund 5 km.

In der Schleuse zum Alten Hafen festgemacht meldet sich von der Schleusenmauer ein Offizieller mit der Mitteilung: ihr Platz ist bereits belegt, da sie nicht mehr erwartet wurden. Folgen sie ihrem Lotsen!

Dieser Lotse ist ein mit Pionieren der Bundeswehr besetztes Schlauchboot, das uns den Anleger vor dem Columbuscenter,  einem mächtigen Einkaufszentrum, zuweist. Umgehend meldet sich von der Kaie ein in gesponsertem kanariengelb gekleideter Herr mit der Bitte an Bord kommen zu dürfen. Er stellt sich als Repräsentant der Organisationsleitung vor, wobei er als Mitarbeiter der hiesigen Lloydswerft die Gemeinsamkeit des Traditionsschiffbaus in Papenburg und Bremerhaven anmerkt. Seine Aufgabe sei es die Begrüßung vorzunehmen, Formalitäten zu erledigen, Reversfähnchen und ein  symbolisches Gastgeschenk als Erinnerung zu überreichen. Dabei habe er sich seine Pflichterfüllung durch Unterschrift bestätigen lassen. An den Folgetagen erscheint mehrmals täglich ein weiterer  gelb Gedresster, überreicht ein Freiexemplar der örtlichen Tageszeitung und erkundigt sich ob alles OK sei. Er konnte seine Hilfsbereitschaft u.A. mit der Beschaffung von Landstrom beweisen, da unsere Bordmittel nicht ausreichen. Als Neuling bei einem solchen Ereignis bin ich von der Gästebetreuung deswegen beeindruckt weil der unüberschaubare Mastenwald von über einhundert kleinen Traditionsseglern wie die Gesine, Briggen, Barken, drei-, vier – und den riesigen Fünfmastern sich dieser Umsorgung erfreuen können. Es handelt sich wohlgemerkt um die „Lütte Sail „ und alle sind ihrem Ruf gefolgt, weil sich Bremerhaven über die Jahre gerade als Gastgeber den besten Ruf all dieser Veranstaltungen erworben hat.

 

Eine herrliche Mischung aus Kirmes, feinstem maritimem Flair begleitet von schönstem Sommerwetter

zieht laut Presse mehrere hunderttausend Besucher an. Sie nutzen  unter dem Motto „Open Ship“ den Tag zu einer Besichtigung der mit Ketten von bunten Fähnchen über die Toppe geflaggten Weltumsegler, während sich abends die Gesellschaft der Einladung zu Empfang und Party folgend an

Bord begibt. Vor allem die makellos gepflegten Marineschiffe aus dem Oman, Ecuador, Mexico, Polen oder Norwegen sind es, die am Abend durch die Illumination von Masten und Rahen einen stimmungsvollen Rahmen abgeben. Mit der Parade der Schiffsbesatzungen findet am Sonnabend der Höhepunkt der Sail statt. Sammeln vor dem Stadtzentrum, um dann in einem schier endlosen Zug zum zentralen Marktplatz zu marschieren. Kilometerlang stehen die Leute in mehreren Reihen am Straßenrand, nicht müde werdend, zu applaudieren. In der bunten Schar der Besatzungen unterscheiden sich die korrekt Uniformierten in Marschformation von den fröhlich umhertollenden jugendlichen Mannschaften aus Skandinavien. Zwar fällt das kleine Team der Gesine nicht durch  korrekte Marschordnung auf, aber die  einheitlichen  Shirts mit dem Aufdruck „ Gesine von Papenburg“ weisen unsere Herkunft aus. Währen der Abschlussparade werden die Siegerbesatzungen einiger Sportwettkämpfe geehrt und mit der Belohnung in Form von Gutscheinen für die Teilnahme für Bier und Imbiss geht dieser Tag zu Ende.

 

Drei Tage ist die „ Gesine von Papenburg“  Messestand,  Kontaktbörse,  Wiedersehen mit Werftbesuchern, „Open Ship“ für Freunde historischer Schiffe und gesponsertes Partyschiff mit Livemusik von Willi und seine Ziehharmonika zum Finale dieser Reise.

 

4. Anmerkungen

 

Die Gesine fährt unter dem Dach des Papenburger Heimatvereins. Instand gehalten und gefahren wird sie von der Crew in ehrenamtlicher Funktion. Die als Kapitän fahren den Crewmitglieder führen alle Patente,  die sie auf eigene Kosten erworben haben. Die gilt auch für die Mitnahme von Fahrgästen für die ebenso die behördlichen Auflagen der Sicherheitsausrüstung erfüllt sind.

Die Unterhaltung dieses Schiffes wäre nicht bezahlbar, wenn die Crew nicht aus Fachleuten

verschiedener Gewerke bestehen würde. Das wöchentliche Treffen  zum Arbeitseinsatz und zur Erledigung Administrativem sichern den Fahrbetrieb der nächsten Saison. Als Beispiel sei hier das Auswechseln eines tonnenschweren Dieselgenerators unter unglaublich engen Platzverhältnissen erwähnt.

Der jeweilige Skipper und die Mannschaft fahren das Schiff mit großer Behutsamkeit und mit hohem Verantwortungsbewusstsein wie es eigentlich nur Leute können, die wissen was es bedeutet  den Wert der Gesine durch die eigenen Hände zu erhalten.

 

Auf finanzielle Mittel ist man dennoch angewiesen. Da wären zum einen Freunde und Förderer zu nennen. Zum Anderen werden sie mit Gästetörns eingefahren. Erlebnisfahrten für Gruppen und Einzelgästen können von Pfingsten bis Oktober gebucht werden.

Ansprechpartner ist Jörn Tanke..mail: joerntanke@ewetel.net oder auch über die Homepage Gesine - von  - Papenburg für die ersten Informationen.  

 

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